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sportiv 3/2014

sportiv _ 23 sportiv-Buchvorstellung Weitere Informationen unter „Wehe, du läufst nochmal unter 3 Stunden!“ Marathonlauf mit Tempolimit Knut Knieping ist ein passionierter Läufer aus Düsseldorf, der erst auf Umwegen seine Leidenschaft gefunden hat: Laufen. Eine Marathonzeit unter 3 Stunden sollte es schon sein! Doch eines Tages, als er wieder einmal nach dem Zieleinlauf mit Kreislaufproblemen im Sanitätszelt landete, zeigte seine Frau ihm die rote Karte. Sie drohte mit Wettkampfverbot, wenn er nicht kürzer treten – bzw. langsamer laufen – würde. Für die meisten Hobbyläufer unvorstellbar, musste Knut beim nächsten Marathon sich und seine Leidenschaft bremsen. Käme er zu schnell ins Ziel, würde der Haussegen schiefhängen. Auch wenn der Name Knut Knieping nur ein Pseudonym ist und auf das rheinische Wort für Knieschmerz anspielt, ist alles, was er in „Temporausch – Laufen zwischen Rhein und Uhr“ beschreibt, tatsächlich passiert. Auch wenn es so witzig und intelligent geschrieben ist, dass man es kaum glauben mag. Den Auftakt zu Kniepings Wettkampfeuphorie bildet der Düsseldorfer Kö-Lauf über 10 Kilometer. … Nun stand ich also neben dem Eingang des altehrwürdigen Kaufhof-Gebäudes zwischen dreihundert anderen Schmalhanseln. Denn eins war unverkennbar: Wer viel lief, hatte es nicht gerade dicke. Im Gegenteil. Alles schmolz dahin, insbesondere das Fett, weniger jedoch das zarte Geschlecht, das selber zwar immer gerne slim line sein wollte, aber bei den Herren schlackernde Hosenböden und ausgemergelte Gesichtszüge extrem unsexy fand. Zur Bestätigung reichte mir der einfache Kommentar einer Frau, die mich schon recht lange kannte. „Junge, sag mal ehrlich? Hast du AIDS?“ Meine Mutter hatte mich sechs Wochen nicht gesehen und war von meinem windhündischen Äußeren wenig angetan. Von solch gleichermaßen unruhig zappelnden Windhunden war ich nun eingangs der Kö umgeben. Windhunde bellen allerdings in der Regel nicht, schon gar nicht bevor sie loslaufen. Das galt hier nicht. Die ganze Meute faselte. Auszugsweise klang das so: „Warste auch beim Sommernachtslauf? Hab ich mit vierzigneunzehn gefinisht, Siebter in der AK 45.“ „Intervall geht gar nicht im Moment. Patella macht Zicken. Aber wird schon irgendwie heute.“ „Haste auch Hirschtalg zwischen den Schenkeln? Letzte Woche Mörderwolf gelaufen in Neuss!“ Mir war eher nach Ohropax. Auch olfaktorisch war diese Zusammenrottung hibbeliger Hypochonder-Spargel eine Zumutung. Eine dubiose Duftwolke aus Schlangengift, Tigerbalsam, Franzbranntwein und Angstschweiß waberte durch das Starterfeld. Ich schaltete meine Atmung auf Mundbetrieb. … Wieder kam ich an der Ecke Schadow-/Theodor Körner-Straße an meinem Bruder und meinem Vater vorbei. Mein Bruder strahlte und hielt beide Daumen nach oben. Mein Vater war in einem anderen Film und bannte alles für die Nachwelt auf Super 8. Wir liefen zum ersten Mal auf den Zielbereich zu. Die Menge johlte und wirbelte mit Plastikschnarren mit Sparkassenemblem. Der Moderator nannte meinen Namen. Ich forcierte das Tempo. Kein Gedanke an Tremolo-Atmung und vernünftige Renneinteilung. Ich rannte am Start vorbei, blickte hoch zur großen digitalen Laufzeitanzeige, die quer über die Straße gespannt war: 00:07:15, leuchtete es mich in gelben Zahlen an. Noch ein heftiger Endorphinschub durchfuhr mich. Verdammt fix für die ersten zwei Kilometer. Mein Hirn ratterte automatisch, rechnete hoch und spuckte mir eine Endzeit von 00:36:15 aus. Unglaublich! „Verdammt, zu schnell, wie immer!“, holte mich ein Gehechel zurück aus meinen Träumen. Einer meiner Mitläufer schien doch nicht der Rookie zu sein, für den ich ihn vor fünf Minuten noch gehalten hatte. „Jo, stimmt“, pflichtete ihm sein Nachbar einsilbig zu. Offenbar war ich der einzige Ersttäter in diesem geselligen Grüppchen. Der Senior Velociraptor schien wenig beeindruckt von dem Gejammer in seinem Revier und federte raubtiergleich neben mir her. Das Endorphin in meinen Venen verdunstete so schnell, wie es eingeschossen war. Lunge und Herz sendeten ungehemmt Notsignale ans Kleinhirn. Ich war wieder auf der dunklen Seite der Kö. … Über das Buch Knut Knieping treibt überdurchschnittlich ambitioniert, aber unterdurchschnittlich talentiert, Breitensport. Das ist für einen Düsseldorfer nicht ungewöhnlich. Irgendwann verliert er dabei aber den Ball aus den Augen und gibt sich ganz dem Rausch des schnellen Laufens hin. Gefangen zwischen seinen langen Beinen und zickenden Knien, kämpft er unter anderem gegen Rehpinscher, Raptoren, Schwäne, innere Schweinehunde, wandernde Geparden, übereifrige Bullen … und immer gegen die Uhr. Dies ist seine Geschichte. www.sportweltverlag.de Das Buch ist nicht nur endorphinabhängigen Läufern oder ihren bedauernswerten Partnern, sondern auch notorischen Sportmuffeln als Lektüre zu empfehlen, da es der Laufsucht mit viel Wortwitz den Spiegel vorhält. Einfach köstlich! Mit Wortwitz und Selbstironie nimmt Knut Knieping sich und seinen Weg zum ambitionierten Marathonläufer gekonnt auf die Schippe. In „Temporausch“ skizziert er mit spitzer Feder das ewige Wechselspiel zwischen Leistungsdruck und Lebenslust – und aktiviert so auf feine Art und Weise die Lachmuskulatur des Lesers. (Iris Hadbawnik, Ultraläuferin und Autorin von „Bis ans Limit – und darüber hinaus.“) Über den Autor Knut Knieping, Anfang M 45, ist seit mehreren Altersklassen dem Temporausch verfallen. Er ist nicht läufig by nature, stellt aber bei der Ausübung diverser Ballsportarten fest, dass er am besten über den Kampf ins Spiel findet. Schließlich nimmt er den Ball aus dem Spiel und das Schicksal seinen Lauf. n – Anzeige – „Temporausch – Laufen zwischen Rhein und Uhr“, 152 Seiten, 10,95 EUR, ISBN 978-3-941297-30-2 Erhältlich überall im Buchhandel.


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